Solidarische Landwirtschaft

Solidarische Landwirtschaft

Solidarität ist eine Waffe

Eine solidarische Landwirtschaft fern vom jetzigen industriellen Landwirtschafts- und Lebensmittelsystem ist möglich.

Praxisbeispiele auf der ganzen Welt zeigen, dass eine Landwirtschaft auch solidarisch funktionieren und vielfältige Nahrungsmittel auf nachhaltige Weise erzeugen kann, dass Nahrung mehr ist als ein Gang in den nächsten Supermarkt und dass es schön ist zu wissen, woher unsere Nahrungsmittel kommen und wie sie produziert werden.

 

Im jetzigen, weit verbreiteten Konzept eines globalisierten und industrialisierten Landwirtschafts- und Lebensmittelsystems spielen solche Dinge kaum eine Rolle. Im Vordergrund stehen hier vor allem die Profite einiger weniger Großunternehmen – großflächige Monokulturen, synthetische Düngemittel, Pestizide und billige Arbeitskräfte sind Teile des Systems, ohne die es nicht funktionieren könnte. Deren negative Auswirkungen auf Menschen, nichtmenschliche Tiere und die Umwelt scheinen die Profiteure nicht zu interessieren – außer wenn sie durch vielfältige Vertuschungs- und Greenwashing-Versuche die Konsument*innen zu täuschen versuchen. Beispielsweise sind Schlachtbetriebe in den meisten Fällen für die Bevölkerung nicht zugänglich, ja nicht einmal in den Alltag integriert, da sie in ländliche Gegenden ausgelagert wurden. Initiativen wie der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (Round Table on Sustainable Palmoil, RSPO) behaupten, hohe Standards hinsichtlich der ökologischen und sozialen Auswirkungen der Palmölproduktion umzusetzen, doch bei genauerer Betrachtung legitimieren sie die zerstörerischen und weder sozialen noch ökologischen Praktiken der Palmölindustrie: Menschen und nichtmenschliche Tiere werden vertrieben, Regenwälder werden weiterhin systematisch gerodet, Menschenrechte werden verletzt, die Zertifizierungssysteme sind unzureichend und Aufsichts- sowie Durchsetzungsmechanismen fehlen meist völlig. [1] Es sind eben nur Marketing-Strategien, die den Konsument*innen beim Kauf solcher Produkte ein gutes Gewissen bescheren sollen, sofern sie überhaupt über die Produktionsbedingungen nachdenken. Die Liste solcher Täuschungen ließe sich unendlich fortführen. Und dass die industrielle Landwirtschaft hinsichtlich Massentierhaltung, Pestizideinsatz und was noch alles dazu gehört zu kritisieren ist, sollte aus Tierbefreiungsperspektive sowieso klar sein.

Warum die ökologische Landwirtschaft nicht unbedingt besser ist …

Selbst wenn wir einmal ausblenden, dass bei Landwirt*innen immer noch der Mythos weit verbreitet ist, dass die Tierhaltung ein wichtiger Bestandteil jeder (ökologischen) Landwirtschaft und deshalb unvermeidbar sei, was nicht nur aus Tierbefreiungsperspektive abzulehnen ist, sondern auch aus ökologischer Sicht nur sehr bedingt Sinn ergibt [2], ist die ökologische (oder Bio-)Landwirtschaft nicht unbedingt besser als die konventionelle. Klar wird beispielsweise auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet, auch mineralische Düngemittel, die in ihrer Herstellung sehr ressourcenintensiv sind, werden nicht verwendet, doch auch im Bio-Sektor gehören großflächige Monokulturen mehr und mehr zur Normalität. Wie sollte es auch anders sein? Um mit den Anforderungen der großen Abnehmer*innen mithalten zu können (sofern das das Ziel ist), passen sich immer mehr landwirtschaftlich-gärtnerische Betriebe den Marktstrukturen an – größere Flächen, verstärkter Maschineneinsatz sowie eine geringe Anbau- und Produktvielfalt sind dann die Folgen. Da die Nachfrage nach Bio-Produkten in den letzten Jahren so stark gestiegen ist, haben sich auch Fragen nach Regionalität und Saisonalität erledigt. So gibt es im Sommer (also in der Tomatenzeit) immer häufiger Bio-Tomaten aus Spanien oder anderswo – ob das dann noch ökologisch ist, ist fraglich. Die Organisation ASEED Europe spricht hier trefflich von einer „Korruption der ursprünglichen Ideale der Naturkost-Bewegung […], die einst vielfältige, regionale und ökologisch nachhaltige Landwirtschafts- und Lebensmittelsysteme verlangte und sich mit sozialer Gerechtigkeit […] befasste“. [3] Das gilt für die ökologische Landwirtschaft im Allgemeinen genauso wie für einige bio-vegane Produzent*innen. Manche befürchten daher, dass sich die bio-vegane Landwirtschaft – auch durch den neuen Anbauverband BIO.VEG.AN. – bald ebenso wie die ökologische Landwirtschaft zu sehr an den Einzel- und Großhandel anbiedern und damit ihre Ideale „verraten“ könnte. [4] Diese Befürchtungen scheinen nicht weit hergeholt: Bereits jetzt wird beim Anbauverband ein wichtiges Merkmal der bio-veganen Landwirtschaft ignoriert, nämlich das der intrinsischen Motivation, sich aus tierethischen Gründen von der Tierhaltung zu distanzieren. [5] Das könnte dazu führen, dass auch hier ökonomische Interessen eine größere Rolle spielen als ideelle. Bleibt zu hoffen, dass die bio-vegane Landwirtschaft eine andere Entwicklung einschlägt…

SoLaWi’s als Alternative?!

Ein Gegenkonzept zu den ausbeuterischen und zerstörerischen Praktiken des momentan weit verbreiteten Landwirtschafts- und Lebensmittelsystems, wie es eben beschrieben wurde, stellt die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) dar. Hierbei handelt es sich um ein „alternatives, regionales Wirtschaftsmodell der Landwirtschaft und der Lebensmittelverteilung“. [6] Genauer gesagt schließen sich in einer SoLaWi Landwirt*innen, landwirtschaftliche Betriebe oder Gärtnereien mit einer Gruppe von Privatpersonen zusammen, die dann gemeinsam eine nicht-industrielle, marktunabhängige Landwirtschaft praktizieren, die auf die Bedürfnisse der Mitglieder ausgerichtet ist und nach ökologischen und sozialen Standards arbeitet. Die Mitglieder finanzieren dabei nicht die einzelnen Lebensmittel, sondern die komplette Landwirtschaft: „Auf Grundlage der geschätzten Jahreskosten der landwirtschaftlichen Erzeugung verpflichtet sich diese Gruppe, jährlich im Voraus einen festgesetzten (meist monatlichen) Betrag an den Hof zu zahlen. Hierdurch wird dem*der Landwirt*in ermöglicht, sich unabhängig von Marktzwängen einer guten landwirtschaftlichen Praxis zu widmen, den Boden fruchtbar zu erhalten und bedürfnisorientiert zu wirtschaften“ – so beschreibt das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft das Konzept. [7] Im Gegenzug bekommen die SoLaWi-Mitglieder die gesamte Ernte und garantieren dem*der Landwirt*in somit auch die Abnahme aller Erzeugnisse. Folglich teilen sich alle Mitglieder die mit der Lebensmittelerzeugung verbundene Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte. Das (meiner Meinung nach) Beste an diesem Konzept hat Wolfgang Stränz, Mitglied des Netzwerks, vor einiger Zeit wunderbar zusammengefasst: „Die Lebensmittel verlieren so ihren Preis und bekommen ihren Wert zurück“. [8]

So toll das Konzept auch ist, von den im deutschsprachigen Raum bereits existierenden SoLaWis (über 160 laut dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft[9]) arbeiten bisher nur die wenigsten nach bio-veganen Anbaustandards. Als Tierbefreiungsbewegung sollten wir dringend daran arbeiten, dass sich dies ändert: Sprecht die SoLaWis in eurer Umgebung an und macht sie auf die bio-vegane Landwirtschaft aufmerksam! Oder gründet einfach selbst eine bio-vegane SoLaWi! Einige haben allerdings auch das Glück, bereits eine SoLaWi in ihrer Nähe zu haben, die auf Tierhaltung und tierliche Dünger verzichtet. Damit diese auch in Zukunft bestehen können und Zuspruch aus der Tierbefreiungsbewegung erhalten, wird in dieser und den folgenden Ausgaben der TIERBEFREIUNG jeweils eine bio-vegane SoLaWi vorgestellt. Manche von ihnen können schon ein paar Jahre Praxiserfahrung vorweisen, andere befinden sich noch im Aufbau und brauchen eventuell auch noch Unterstützung von Interessierten.

Übrigens: Um dem momentanen Landwirtschafts- und Lebensmittelsystem etwas entgegenzusetzen, gibt es weit mehr Möglichkeiten als Solidarische Landwirtschaften. Einige Tipps dazu gibt beispielsweise der bereits genannte Reader von ASEED Europe: Containern, Food-Coop‘s oder ein eigener Garten sind nur einige Beispiele, um eine „bessere Zukunft zu kultivieren“. Mehr Informationen zum Thema wird es zudem im Titelthema der Juni-Ausgabe 2018 (Nr. 99) der TIERBEFREIUNG geben. Wer auch etwas dazu beitragen möchte, kann sich gern an die Redaktion wenden.

Text: Ulrike Schwerdtner
Beitragsbild: plantAge e.V. | https://www.plantage.farm/

 

[1] Weitere Informationen zur Palmölproduktion finden sich beispielsweise unter www.regenwald-statt-palmoel.de. Außerdem sei hier zum Weiterlesen der Reader „Die Klimakrise ist eine Krise des Lebensmittelsystems“ von ASEED Europe empfohlen: www.aseed.net/pdfs/ASEED-klima-lebensmittelsystem-brochure-deutsch.pdf
[2] Auch wenn einige das zu glauben scheinen, können Tiere keine Nährstoffe herbeizaubern. Stattdessen nehmen sie Nährstoffe über ihre Nahrung, also aus Pflanzen, auf, nutzen einen Großteil davon für Wachstum, Stoffwechsel et cetera und geben nur überschüssige Stoffe, die sie selbst nicht benötigen, wieder ab. Nur dieser geringe Teil kann dann als Dünger auf die Felder ausgebracht werden. Da scheint es doch deutlich sinnvoller, die pflanzlichen Nährstoffe (zum Beispiel durch Kompostierung) direkt nutzbar zu machen…
[3] ASEED Europe steht für „Action for Solidarity, Equality, Environment, and Diversity Europe“; das Zitat stammt aus dem bereits empfohlenen Reader (S. 13).
[4] Die kritischen Stimmen zur Formalisierung der bio-veganen Landbaubewegung und auch die Befürchtungen, welche Folgen eine solche Formalisierung haben könnte, beschreibt beispielsweise Anja Bonzheim in ihrer Masterarbeit. Diese erschien 2017 auch als Buch und wurde in der letzten Ausgabe der TIERBEFREIUNG besprochen.
[5] Das ergab zumindest das Interview in der letzten Ausgabe der TIERBEFREIUNG.
[6] Reader von ASEED Europe, S. 2
[7] www.solidarische-landwirtschaft.org/das-konzept/