In einer Zeit vor Social Media und Messenger-Diensten

In einer Zeit vor Social Media und Messenger-Diensten

Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung vor der Digitalisierung[1]

Für viele Aktivist*innen der Tierrechts- oder Tierbefreiungsbewegung scheint es aktuell zu ihrem Aktivismus zu gehören: Veranstaltungen der Bewegung werden auf Facebook geteilt, Gruppentreffen werden über Messenger-Dienste verabredet und Inhalte mit Bewegungsbezug werden auf Internetseiten oder Blogs veröffentlicht – die Digitalisierung hat Einzug gehalten in den Bewegungen für Tierrechte und Tierbefreiung. Doch es gab eine Zeit, in der diese Medien nicht zur Verfügung standen. Wie kommunizierten Aktivist*innen vor der Digitalisierung miteinander? Wie kamen die Aktiven an Informationen über Tierausbeutungsunternehmen? Wie behielten sie einen Überblick über Demonstrationen und Veranstaltungen der Bewegung? Diesen Fragen möchte der folgende Beitrag nachgehen.

 

E-Mails waren mal analog und hießen Briefe

Ein*e Aktivist*in sitzt vor ihrem Laptop und öffnet ein Emailprogramm, er*sie liest die eingegangenen Mails und beantwortet einige von ihnen. So könnte ein typischer Aktivist*innenalltag innerhalb der heutigen Tierrechts- oder Tierbefreiungsbewegung beginnen. In den Anfängen der modernen Tierrechtsbewegung gegen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre gab es jedoch keine Emails als Kommunikationsmittel. Wie blieben Aktivist*innen dann in Kontakt?

Die analoge Form der E-Mail – der Brief – war eine der Möglichkeiten für Aktive, in Kontakt zu bleiben. Informationen über Tierausbeutungsbetriebe – zu Beginn der zweiten Phase der Bewegung vor allem über Tierversuchseinrichtungen – oder auch über anstehende Veranstaltungen wurden von Aktivist*innen in Briefen versandt. Die Korrespondenzen dienten den Aktivist*innen sowohl zum persönlichen Austausch als auch zum Austausch verschiedenster Informationen. Neben den Briefen waren es auch Telefonate zwischen Aktivist*innen, die diesen Austausch möglich machten.

„Persönliche Treffen, Telefon“ (K.M.)

Einigen Aktivist*innen, die sich Hamburger Bande nannten, wurden ihre Telefonate jedoch früh in der Geschichte der modernen Tierrechtsbewegung zum Verhängnis. Aktionen und zwar nicht nur demonstrative Aktionen (Demonstrationen, Infostände, Mahnwachen) wurden oft über Telefonate geplant. Die Hamburger Bande war eine der ersten Gruppen oder besser Zusammenschlüssen von Menschen, die Direkte Aktionen in Deutschland durchführten. Es wurden Tiere* befreit, Laboreinrichtungen zerstört und Forschungsergebnisse vernichtet. Im Jahr 1985 wurden die Menschen aus der Gruppe während dem Versuch, ein Forschungslabor in Brand zu setzen, festgenommen. Zuvor war die Hamburger Bande durch Repressionsorgane überwacht worden. Zu dieser Überwachung gehörte auch das Abhören der Telefongespräche der Aktivist*innen. Eine verschlüsselte Kommunikation über Telefone, wie sie heute zum Teil über Messenger-Dienste auf Smartphones möglich ist, war in den 1980er Jahren noch Zukunftsmusik. Briefe und Telefonate dienten vor allem dazu, größere Entfernungen zwischen Aktivist*innen zu überwinden. Jedoch gab es auch in der frühen Tierrechtsbewegung das Bedürfnis, sich direkt zu treffen. Bei diesen Treffen wurden organisatorische Dinge für die jeweilige Gruppe oder den jeweiligen Verein besprochen, aber auch Aktionen geplant. Wie heute auch, dienten sie dem persönlichen Austausch und den Diskussionen unter den Aktivist*innen.

„Die Kommunikation in Tierrechtsgruppen war sehr unterschiedlich. Manche kommunizierten immer nur im direkten Gespräch miteinander (also bei Treffen), andere telefonierten auch (wobei es keine Möglichkeiten der Telefonkonferenzen gab), wieder andere kommunizierten über Briefe. Auf jeden Fall war das alles immer mit viel Zeit und Aufwand verbunden.“ (A.B.)

Karteikarten mit Adressen aus der Tierrechtsbewegung. Aus dem Nachlass von Birgit Mütherich (© das tierbefreiungsarchiv)

 

Auf dem Laufenden bleiben – Termine der Tierrechtsbewegung

Ein*e Aktivist*in sitzt vor ihrem Laptop und gibt in eine Suchmaschine die Begriffe „Tierrechte“ und „Termine“ ein und eine Sekunde später tauchen auf ihrem*seinem Bildschirm mehrere Weblinks zu Veranstaltungen der Tierrechtsbewegung auf. Am Anfang der modernen Tierrechtsbewegung gab es diese Form der Vermittlung über Termine noch nicht.

Wie konnten dann aber Aktive der Bewegung in dieser Frühphase herausfinden, wo und wann eine Demonstration oder andere Veranstaltungen stattfanden? Ein Beispiel ist der Rundbrief der Gruppe die ratten – alternativer Tierschutz. Diese Gruppe gründete sich im Jahr 1991 und versuchte mit ihrem Rundbrief, die Termine der Bewegung für die Aktivist*innen aufzuarbeiten.

„Damals gab’s noch die ratten-post und das Infotelefon. Das waren noch Zeiten! In regelmäßigen Abständen kam ein Brief mit Demoterminen. Und um sicher zu gehen, dass sich nicht bis zum Demotermin noch ein Treffpunkt oder Uhrzeit geändert hat oder der ganze Termin ins Wasser fiel, konnte man noch das Infotelefon anrufen, wo dann vom Band die aktuellsten Infos abgehört werden konnten.“ (A.B.)

Rundbrief und Infotelefon der ratten (© das tierbefreiungsarchiv)

 

Neben dem Rundbrief bot die Gruppe ratten noch ein weiteres Medium für Aktivist*innen an, um sich über Termine zu informieren. Angeboten wurde ein Anrufbeantworter: Auf ein Tonband wurden Termine mit Tierrechtsbezug aufgesprochen und Aktivist*innen konnten über einen Anruf die Termine anhören. Die beiden Angebote der ratten boten den Aktivist*innen der Zeit eine Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben und einen Überblick über die verschiedenen Veranstaltungen der Bewegung zu behalten. Der Anrufbeantworter bot außerdem die Möglichkeit, die eigene Erinnerung aufzufrischen, wenn einmal ein Rundbrief verloren oder an andere Aktivist*innen weitergeben wurde. Neben diesen beiden Medien boten auch die persönlichen Korrespondenzen – sei es per Brief, Telefonat oder auch Fax – eine Möglichkeit, sich über Termine auszutauschen. Medien, die Aktiven auch heute bekannt sind, um auf Demonstrationen und andere Aktionen hinzuweisen, waren zudem Flugblätter und Plakate oder ab den frühen 1990er Jahren Zeitschriften.

 

Nichts ist so alt wie die Tierrechtszeitung von gestern?

Ein*e Aktivist*in geht zu ihrem Briefkasten und holt sich aus diesem eine professionell gelayoutete Tierbefreiungszeitschrift heraus. Diese Zeitschrift wurde an einem Computer mit einem digitalen Layoutprogramm entworfen. In den Anfängen der Tierrechtsbewegung gab es diese Layoutprogramme noch nicht.

„Ich denke, dass die Magazine durchaus eine wichtige Rolle bei internen Diskussionen spielten. Aber ich würde nicht sagen wollen, dass sie das „Social Media“ vor Facebook & Co. Waren. Die Magazine waren nie ein wirkliches Forum, in dem diskutiert wurde. Auch, wenn es hier und da mal Leser*innenbriefe oder auch mal mit einem ausführlichen Artikel auf einen bereits erschienenen Artikel reagiert wurde. Die Aufgabe der Magazine sah ich primär als Informationsquelle. Sie gaben den Anstoß für Debatten, die zu führen waren.“ (A.B.)

Aktivist*innen, die in den 1990er Jahren oder den frühen 2000er Jahren inhaltliche Auseinandersetzungen der Tierrechtsbewegung wahrnehmen wollten, konnten teilweise auf ein ganzes Potpourri von Zeitschriften mit Tierrechtsschwerpunkt zurückgreifen. Das Magazin TIERBEFREIUNG wurde beispielsweise bereits Anfang der 1990er Jahre ins Leben gerufen. Zuvor wurde seit den späten 1980er Jahren vom Bundesverband der TierbefreierInnen Deutschland e.V. schon ein Rundbrief veröffentlicht. Ähnlich dem Rundbrief der ratten gab der Rundbrief des Bundesverbandes den Aktiven der Zeit einen Einblick in die anstehenden Aktionen. Weiterhin gab es Sammlungen von Zeitungsartikeln anderer Zeitungen innerhalb des Rundbriefes des Bundesverbandes, die auf vergangene Aktionen Bezug nahmen. Diese Zeitungsartikel wurden ausgeschnitten und als Kopiervorlage für den Rundbrief auf Papier geklebt.

Rundbrief des Bundesverbandes der TierbefreierInnen Deutschland e.V. (© das tierbefreiungsarchiv)

 

Ab Anfang der 1990er Jahre professionalisierte sich das Layout des Rundbriefes und es entstand das Magazin TIERBEFREIUNG.[2] Zudem traten vermehrt andere Zeitschriftenprojekte auf den Plan. Zeitschriften waren zu diesem Zeitpunkt wohl eines der wichtigsten Medien für bewegungsinterne Debatten über Inhalte, Theorien und Methoden. Einige dieser Projekte waren jedoch leider nur von kurzer Dauer – es blieb teilweise bei einer Ausgabe.

 

Zeitschriften der deutschsprachigen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung der 1990er und 2000er Jahre (chronologisch):

  • TIERBEFREIUNG aktuell
  • Vegan Info
  • Die Eule
  • Palanqueta
  • (schwarz-grünes) Gegengift
  • VOICE
  • tierrechte – Magazin der Menschen für Tierrechte

 

„Magazine wie VOICE, Tierbefreiung oder Vegan-Info gab es nicht im normalen Zeitschriftenhandel, so wie das heute bei den veganen Lifestyle-Heften der Fall ist. Dafür wären sie wohl auch heute nicht mainstreamig genug. Sie wurden auf Demos und Animal Rights Gatherings beworben und dann möglichst per Abonnement an die Leute gebracht. Vegane Feste, wie es sie heutzutage ohne Ende gibt, gab es damals nur selten und dann auch in deutlich eingeschränkter Form.“ (A.B.)

Die Zeitungsprojekte dienten den Aktiven aber auch zu Recherchezwecken über Tierausbeutungsunternehmen. Profiteure der Tiernutzung waren Thema der Zeitschriften und Aktive konnten aus den Artikeln über diese Informationen für ihre eignen Aktionen heranziehen.

 

Recherchieren, beobachten und im Müll wühlen

Ein*e Aktivist*in sitzt vor ihrem Laptop und recherchiert für eine geplante Kampagne gegen ein Unternehmen, in dem Tiere* genutzt werden. Nach wenigen Minuten hat er*sie verschiedenste Informationen über das Unternehmen, seine Zulieferbetriebe und Firmen, die Produkte des Unternehmens verkaufen, zusammengetragen. Aber wie recherchierten Aktive, als es noch kein Internet gab?

„Es gab kaum Informationen, außer man holte sie sich selbst.“ (K.M.)

Um an Informationen über Tierausbeuter*innen zu kommen, mussten die Aktivist*innen dahin gehen, wo diese zu finden waren. Dabei war nicht nur das Beobachten, beispielsweise eines Tierversuchslabors, relevant – auch der Müll, vor allem der der Verwaltungsabteilungen, konnte wichtige Erkenntnisse liefern. Hier wurden keine Lebensmittel aus Containern gerettet, sondern Informationen zum Retten von Leben aus Mülltonnen geholt. Teilweise muss es auch Go-Ins in Büros von Tierausbeutungsunternehmen gegeben haben, bei denen Akten über ein Faxgerät aus dem Büro heraus direkt an andere Aktivist*innen gesendet wurden. Auch bei den frühen Tierbefreiungen oder Sabotageakten wurden Informationen für andere Aktive oder spätere Aktionen gesichert. Beispielsweise wurden Fotos oder auch schon Videos während einer Direkten Aktion gemacht oder es wurden Forschungsergebnisse mitgenommen, wenn sie nicht direkt vernichtet wurden. Nicht immer waren die Recherchen jedoch mit aufregenden Direkten Aktionen verbunden. Am Kopierer stehen war durchaus Teil alltäglicher Recherchen. So wurden beispielsweise Auszüge aus Adress- und Telefonbüchern kopiert, um an Informationen über Standorte der Tiernutzenden zu kommen.

 

… und jetzt?

Zwei Aktivist*innen sitzen vor ihren Laptops, daneben liegen viele Magazine, Flugblätter, Rundbriefe und auch einige Bücher. Sie tippen einen Text für das Magazin TIERBEFREIUNG in die Tastaturen und stellen fest, dass die vordigitale Zeit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung sehr spannende Medien, Gruppen, Debatten und so weiter hervorgebracht hat, die eine weitere Erforschung verdienen.

 

[1] Die folgenden Darstellungen zu Kommunikation und Recherchen von Aktivist*innen vor der Digitalisierung der Bewegung sind nur ein Ausschnitt aus der Bewegungsgeschichte und haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden lediglich vereinzelte Beispiele genannt. Wir danken allen Gesprächspartner*innen für ihre Auskünfte zur vordigitalen Zeit.
[2] Für eine ausführlichere Geschichte des Magazins TIERBEFREIUNG siehe: TIERBEFREIUNG 100 (September 2018).

 

Text: das tierbefreiungsarchiv
aus: Tierbefreiung 109 / Dezember 2020
Beitragsbild: Bericht in der TAZ über den Prozess gegen die „Hamburger Bande“ im Mai 1987 (© das tierbefreiungsarchiv)