„Ich wünsche mir für unsere Bewegung, dass sie sich weiter – oder wieder – politisiert“

„Ich wünsche mir für unsere Bewegung, dass sie sich weiter – oder wieder – politisiert“

Interview mit dem ehemaligen Herausgeber des VOICE-Magazins Andreas Bender

Die 1990er Jahre waren für die Aktiven der Tierrechtsbewegung eine Zeit – für junge Aktive kaum vorstellbar – ohne die Möglichkeiten des Internets. Es standen keine Webseiten, Blogs oder Social Media Accounts zur Verfügung, um Informationen über die tiernutzende Industrie zu erhalten. Die Bilder und Informationen aus den Mastanlagen, Pelzfarmen oder Tierversuchslabors wurden trotzdem einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, häufig in Form von Fotos in Magazinen und Zeitschriften. Eines dieser Medien war das Magazin VOICE. Das Magazin war ein vereinsunabhängiges Medium, welches verschiedenste Themen rund um den Veganismus und Tierrechte aufgriff. Die Veröffentlichung des Magazins wurde 2004 nach einem langwierigen Rechtsstreit mit der Religionsgemeinschaft Universelles Leben (UL) eingestellt. Welche Erfahrungen Andreas Bender mit der Tierrechtsbewegung und dem Magazin sammeln konnte, wie die Bewegung auf die Themen im Heft reagierte und wie es zum Ende des Magazins kam beschreibt er selbst im folgenden Interview.

 

Tom: Lieber Andreas, möchtest du dich kurz unseren Leser*innen vorstellen? Wer bist du und was machst du gerade hauptsächlich?

Andreas: Ich bin seit 1993 Aktivist. Angefangen habe ich im Tierschutz, habe aber dann sehr schnell Kontakte zur Tierrechtsbewegung geknüpft. 1994 wurde ich Vegetarier, 1995 Veganer. Diejenigen, die schon fünfzehn oder mehr Jahre Teil der Tierrechtsbewegung sind, kennen mich wahrscheinlich durch das Tierrechtsmagazin „VOICE“, das ich von Januar 1995 bis Dezember 2004 herausgegeben habe. Mit den Jahren wurde ich auch in den Bereichen Umweltschutz und Menschenrechte aktiv, was sich auch auf die Artikel des Magazins auswirkte. Aus dem Magazin heraus entstanden ist meine vegane Werbeagentur und Druckerei „voice-design | Werbung, Design & Druck“, die im Oktober ihren 20. Geburtstag feierte.

Was mache ich heute: Ich bin weiterhin aktiv, primär in den Bereichen Tierrechte, Menschenrechte und Umweltschutz. Ich bin Gründungsmitglied bei „Vegane Aktion Offenbach (VAO)“, Vorstandsmitglied bei „Lautstark gegen Rechts Rhein-Main e.V.“ und spontan aktiv bei diversen anderen Gruppen wie zum Beispiel „Aktiv gegen Speziesismus (AgeSpe)“. Und natürlich betreibe ich auch weiterhin meine vegane Werbeagentur und Druckerei.

Du hast eine Werbeagentur beziehungsweise Druckerei mit dem Namen „voice-design“ aufgebaut. Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre hast du unter dem Titel „VOICE“ eine Zeitschrift herausgegeben. Vielleicht kannst du unseren jüngeren Leser*innen darstellen, was die „VOICE“ war. Warum wurde dieses Medium ins Leben gerufen, warum war es wichtig und welche Themen wurden behandelt?

Ich war schon immer ein Tierfreund, interessierte mich sehr für alle möglichen Tierarten. Als ich dann aber als Jugendlicher nicht mehr nur Heinz Sielmanns TV-Dokumentationen und die Tierserien in der Fernsehzeitschrift HÖRZU sah, sondern auch die Berichte über Tiertransporte, Tierversuche und Pelzfarmen in den Jugendzeitschriften, wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen muss. Nur: was?

Ich knüpfte Kontakte, informierte mich und erkannte irgendwann, dass es keinen Sinn macht, diejenigen zu essen, für die ich mich nun verstärkt einsetze. Und ich denke, jede*r kennt die Situation: Du hast von einem Unrecht erfahren und verspürst den Drang, andere darüber zu informieren, damit wir alle gemeinsam dagegen vorgehen können. So fühlte ich mich 1994. Und ich überlegte, wie ich möglichst viele Menschen dauerhaft erreichen kann. Ich entschloss mich dazu, eine Zeitschrift herauszugeben. Eine Stimme für die, die keine haben: VOICE.

Die erste Ausgabe wurde im Januar 1995 in einer Auflage von 50 Exemplaren in einem örtlichen Naturkostladen kopiert. Obwohl ich heute den Schreibstil, das Layout und eigentlich alles ganz schrecklich finde: sie wurde gekauft und es kamen Aboscheine zurück. Mit steigender Auflage wurde das VOICE-Magazin dann in Copyshops kopiert und ab der 8. Ausgabe in einer Druckerei gedruckt. Die Qualität wurde trotzdem erst mit der Ausgabe 15 wirklich besser, weil bis dahin aus Kostengründen nicht mit Filmen sondern mit Overheadfolien gearbeitet wurde.

Inhaltlich ging es anfangs nur um Tierschutz- und Tierrechtsthemen. Mit dem Artikel „Wie Hunger gemacht wird“ wagte ich 1996 erstmals den Blick über den Tellerrand und verband Tierrechte mit Menschenrechten. In den folgenden Ausgaben setzte ich dies fort. Der Schwerpunkt lag zwar weiterhin auf dem Thema Tierrechte, aber es erschienen auch immer wieder Berichte zu Themen wie Atomenergie/Castor-Transporte, Rassismus, Krieg oder Repression. Mein Ziel war es, die bis dato relativ geschlossene Tierrechtsszene nach außen zu öffnen und auch vielen Linken zu zeigen, dass das Engagement für Tierrechte nicht bedeutet, Menschenrechte zu beschneiden.

Das VOICE-Magazin war reifer geworden. Technisch und inhaltlich.

Wie waren die Reaktionen innerhalb der Tierrechtsbewegung auf das Magazin? Konnten Debatten angestoßen werden und wenn ja: welche?

Unterm Strich waren sie sehr gut. Das VOICE-Magazin entwickelte sich zum größten vereinsunabhängigen Magazin der deutschsprachigen Tierrechtsbewegung und war auch in anderen linken Strömungen angesehen.

Debatten? Oh ja, die gab es auf jeden Fall. Sowohl durch eigene Berichte und auch durch solche von Fremdautor*innen.

Die deutsche Tierrechtsbewegung entwickelte sich zu großen Teilen aus der Graswurzelbewegung heraus. Mit dem Erfolg von Animal Peace Mitte der 1990er Jahre kamen viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft hinzu. Und von denen waren nicht alle begeistert vom „Autonomen Tierschutz“, also von aufgebrochenen Käfigen, umgesägten Hochsitzen oder angesteckten Fleisch-LKW. Der Bericht „Autonomer Tierschutz: Die Menschen hinter der schwarzen Maske“, in dem ich mit Aktivist*innen über deren Beweggründe, für die Tiere Gesetze zu übertreten, sprach, sorgte entsprechend für Gesprächsstoff.

Ich persönlich halte jede respektvoll geführte Debatte für einen Erfolg. Auch, wenn sich die Debattierenden in diesem Moment eventuell gar nicht einigen können. Denn allein der Austausch der Argumente, das Darlegen der verschiedenen Sichtweisen, hilft allen Beteiligten, die andere Person zu verstehen und bringt sie einem etwas näher. Im obigen Fall weiß ich sogar, dass der Bericht bei vielen Menschen für Verständnis für die Aktionen hervorgerufen hat.

Nach meinem Bericht „Aus der Todeszelle“ gab es erschreckenderweise rassistisches Feedback. Im Bericht ging es um die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, den dortigen Rassismus und die politischen Gefangenen. An (wenigen) Leser*innenbriefen zeigte sich, dass sie sich über Menschenrechtsartikel regelrecht ärgerten. Man wolle nicht über „Afro-Amerikaner-Probleme“ aufgeklärt werden, hieß es. Tierrechtsengagement bedeute, „geradeaus“ zu gehen. Im Anschluss daran wurde in vielen Gruppen diskutiert, wie man mit solchen Menschen umgeht und ob Aktivist*innen, denen Menschen egal sind, einen Platz in der Tierrechtsbewegung haben können.

Die größte Debatte wurde aber natürlich wegen unserer Recherche über das Universelle Leben angestoßen.

Wenn Debatten in Form von Artikeln angestoßen wurden, nutzten Aktive dann auch die Möglichkeit, Leser*innenbriefe zu schreiben? Wurde das Magazin als Diskussionsmedium oder doch eher als Informationsbringer*in gesehen?

Es wurden Leser*innenbriefe geschrieben, es gab aber auch schon Gegenartikel. Also dass jemand anbot, auf einen Artikel einen eigenen zu verfassen, der das Thema aus einer anderen Perspektive beleuchtet.

Aber machen wir uns nichts vor: Für die meisten Menschen war das VOICE-Magazin natürlich ein Informationsmedium. Es war eben ein Magazin, kein Internetforum. Eine wirkliche Diskussion fand immer außerhalb des Magazins statt – mit Informationen aus dem Magazin, aber eben in direkten Gesprächen, in Aktionsgruppen oder dann eben in den Internetforen und Chats der damaligen Zeit.

In den Zeiten, als die VOICE herausgegeben wurde, steckten das Internet und die Nutzung desselben durch die Tierbewegungen noch in den Kinderschuhen. Für wie wichtig hältst du im Nachhinein Magazine als Debatten- und Informationsmedium innerhalb der Tierbewegungen?

Sie waren insbesondere damals unverzichtbar. Wer heute zwanzig Jahre alt ist, kann sich das sicher nicht so richtig vorstellen. Als das VOICE-Magazin herauskam und die deutsche Tierrechtsbewegung langsam an Fahrt aufnahm, also Mitte der 1990er Jahre, hatte kaum jemand einen Internetzugang. Zum Vergleich: 1994 hatten nur 3 Millionen Personen Zugang zum Internet – weltweit. Heute sind es allein in Deutschland 62,9 Millionen.

Über die Magazine wurden Recherchen und Bekenner*innenschreiben veröffentlicht, Denkanstöße gegeben und natürlich auch Demotermine verbreitet. Ohne Magazine wäre die Bewegung wahrscheinlich nicht dort, wo sie heute steht.

Heute, wo vom Kind bis zum Greis fast 90 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen Zugang zum Internet haben, ist die Rolle der Printmedien zweifelsohne eine andere geworden. Und es ist wichtig für jede*n Herausgeber*in, die Publikation den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Innerhalb der „VOICE“ wurden auch immer wieder Themen aufgegriffen, die eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Bewegung zum Ziel hatten. Eines dieser Themen – die Debatte um die „Religionsgemeinschaft“ Universelles Leben (UL) – führte dann auch zum Aus der Publikation des VOICE-Magazins. Kannst du einen kurzen Überblick geben, was damals passierte?

Wir wurden darauf hingewiesen, dass manche Werbeanzeigen im VOICE-Magazin auf eine Glaubensgemeinschaft namens Universelles Leben zurückzuführen seien. Als der Vorwurf laut wurde, diese sei eine faschistische Sekte, begannen wir zu recherchieren. Nach über einem halben Jahr intensiver Recherchen in einem mehrköpfigen Team veröffentlichten wir in Ausgabe 31 eine umfangreiche Reportage, die in der Bewegung und auch vor allem bei VOICE viel veränderte. Die Reportage informierte über die Lehren und das Handeln der Gemeinschaft – basierend auf UL-eigenen Publikationen, Handelsregistern und Gerichtsurteilen.

Diese Reportage entfachte nicht nur eine Diskussion darüber, ob das Universelle Leben, welches sich stets als absolut friedfertige Tierrechts-Sekte darstellte, in Wahrheit Tiere und Menschen ausbeutet und faschistische Lehren vertritt, sondern führte auch zu einer Klagewelle.

Währenddessen recherchierten wir weiter und konnten belegen, dass die Gemeinschaft immer tiefer in die Tierrechtsbewegung vorgedrungen war, was abermals zu Diskussionen führte.

Die Berichterstattung über das UL wurde unter anderem auch in der TIERBEFREIUNG abgedruckt. Was hättest du dir gewünscht von Seiten der Bewegung im Umgang mit den Klagen gegen das Magazin VOICE und mit dem UL?

Das ist eine gute Frage. Ich könnte sagen, dass ich mir einen anderen Ausgang der Debatten gewünscht hätte. Aber dafür hätte es andere Debattierende gebraucht. Insofern hätte ich mir eine andere Zusammensetzung der Tierrechtsbewegung gewünscht.

Heute wird immer wieder von der „Hauptsache-für-die-Tiere-Fraktion“ gesprochen. Dieser Begriff wurde damals geprägt. Denn nicht wenige Menschen vertraten die Ansicht, dass man doch den (angeblich vorhandenen) gemeinsamen Nenner sehen müsse: das Engagement für Tierrechte. Wobei völlig unter den Tisch gekehrt wurde, dass wir belegen konnten, dass die Gemeinschaft hinter dieser Tierrechtsfassade Tiere weiter ausbeutete. Manche argumentierten aber auch einfach nur: „Der IBI-Aufstrich ist aber so lecker!“

Ein langjähriger Freund beschwerte sich bei mir, dass ich durch die Reportage die Bewegung gespalten hätte; er lasse sich aber nicht beirren und würde auch mit Nazis Flyer für die Tiere verteilen. Eine andere Abonnentin erklärte ähnlich, sie würde auch mit Nazis demonstrieren.

Auf der anderen Seite veröffentlichte die Tierrechts-Aktion Nord (TAN) eine uns den Rücken stärkende Solidaritätserklärung, die viele Personen und Gruppen unterzeichneten.

Heute sagen viele, dass es in unserer Gesellschaft keinen Rechtsruck gibt. Teile der Gesellschaft seien schon lange antisemitisch, fremdenfeindlich, rechts. Sie hatten sich nur nicht getraut, das offen zu zeigen. Ich sehe hier Parallelen zu damals. Deshalb würde ich auch nicht sagen, dass unsere Reportage  die Bewegung gespalten hat. Ich würde eher sagen, dass sie die Spaltung offensichtlich machte. Viele Menschen sahen sich aufgerufen, Stellung zu beziehen.

Im Endeffekt war das auch der Grund, weshalb VOICE 39, die Ausgabe zum 10. Geburtstag, auch die letzte Ausgabe war. Die Reportagen über das Universelle Leben sollten die Tierrechtsbewegung informieren und schützen. Sie sollten die Bewegung davor bewahren, der in meinen Augen gefährlichen Organisation, die nicht die Ziele unserer Bewegung verfolgt, eine Bühne zu bieten. Ich erwartete keinen überschwänglichen Dank dafür, aber eben auch keine Beschimpfungen, keine Freude über eine Klagewelle gegen dieses Magazin und auch kein Bekennen zu Nazis. Nach Jahren der Prozesse und endlosen Diskussionen war ich es leid, mein Geld, meine Lebenszeit und meine Gesundheit einer Bewegung zu opfern, die nicht geschlossen hinter ihrem Magazin steht.

Natürlich habe ich der Bewegung nie wirklich den Rücken zugedreht. Aber ich bin jetzt mit den Menschen aktiv, deren Ziele sich mit meinen decken, und reiße mir nicht mehr den Arsch auf für diejenigen, die sich darüber freuen, wenn mich eine Sekte mit Klagen überzieht.

Vielleicht auch noch ein anderer Weg, als nur negative Geschichten zu erzählen. Was waren für dich die schönsten, spektakulärsten, witzigsten oder anderweitig motivierendsten Aktionen oder Ereignisse, über die du in der Voice berichten konntest?

Oh, da gibt es viele…

Am motivierendsten war sicherlich die SHAC-Kampagne (Stop Huntingdon Animal Cruelty). Das Besondere an dieser Kampagne war, dass sie sich nicht nur gegen die Tierversuchslabore von Huntingdon Life Sciences (HLS) richtete, sondern auch gegen alle, die in irgendeiner Form mit HLS zu tun hatten. Es gab Demos, es wurden Autobahnen blockiert, es gab Proteste vor und in den Firmenräumen der Partner. Und das weltweit. Der Druck wurde derart groß, dass HLS bald ohne Versicherung, ohne Müllabfuhr, ohne Bank dastand. Der Wert der Aktie fiel ins Bodenlose. Leider führte das trotz dieser unvergleichlichen Erfolge nicht zum endgültigen Ziel: der Schließung von HLS. Denn schließlich schaltete sich die Regierung ein und tat etwas, was es noch nie zuvor gegeben hatte: sie übernahm die Bankgeschäfte für HLS, spielte Bank. Trotzdem war die SHAC-Kampagne bis heute die für mich motivierendste Tierrechts-/Tierbefreiungskampagne, weil wir einfach erkannten, welche Macht wir haben, wenn wir alle ausdauernd an einem Strang ziehen.

Witzig war auf jeden Fall die Entstehungsgeschichte zum Coverfoto der Ausgabe 10 aus dem Jahr 1997. Passend zur Titelstory „Vegan hinter Gittern“ wollte ich, dass man jemanden hinter Gittern sieht. Da mein Vater damals noch bei der Polizei war, lag es nahe, ihn zu bitten, so ein Foto zu ermöglichen. Er war auch bereit, mir zu helfen, sein Gesicht müsse aber nicht unbedingt auf dem Titel eines Magazins erscheinen. Aber wir fanden eine Lösung. Wir fuhren zur Polizeistation, er streckte seine Hände durch die Gitterstäbe der Arrestzelle und senkte seinen Kopf, einer seiner Kollegen legte ihm sogar noch außerhalb der Zelle Handschellen an und ich machte das wahrscheinlich einzige Foto, auf dem ein Polizist mit Handschellen hinter Gittern zu sehen ist.

Ein ganz besonderer Moment war auch, dass das VOICE-Magazin als erstes über die Covance-Recherche 2003 berichten durfte – noch kurz vor den etablierten Medien.

Aber wie gesagt: In zehn Jahren VOICE-Magazin gab es viele Momente, die besonders waren.

Wenn du selbst ein wenig zurückschaust: Wie siehst du die Entwicklungen rund um die Themen Tierrechte, Tierbefreiung und Veganismus in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren?

Das ist schwer zu beantworten. Ich glaube, das ist wie bei der Verteilung des Wohlstands: die Schere geht auseinander.

Da gibt es auf der einen Seite die Menschen, die in uns Veganer*innen längst nicht mehr die Freaks sehen, als die wir noch Mitte der 1990er Jahre angesehen wurden. Das liegt sicherlich daran, dass inzwischen jede*r mindestens eine*n Veganer*in kennt. Das macht die ganze Sache „normaler“ für die Menschen, weil sie nicht nur vom Hörensagen „wissen“, wie wir ticken. Sondern eben Freund*innen, Nachbar*innen oder Kolleg*innen vegan wurden. Ein weiterer Punkt ist aber sicherlich auch, dass viele Veganer*innen vergleichsweise unpolitisch unterwegs sind.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sich allein schon durch die Existenz von Veganer*innen, das immer größer werdende Sortiment vegan-gekennzeichneter Produkte oder auch die massiv steigende Zahl an Recherchen durch Organisationen wie SOKO Tierschutz oder Animal Rights Watch angegriffen und bedroht fühlen. Sie fürchten, dass man ihnen das Schnitzel wegnimmt, selbst zu „Außenseitern“ zu werden oder was auch immer.

Mit der wachsenden Zahl an Veganer*innen gibt es heute auch mehr Menschen, die sich für Tierrechte und Tierbefreiung engagieren. Allerdings ist das Verhältnis ein ganz anderes als noch vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren.

Einen Teil dieser Entwicklungen dürfte auf die Tierbewegungen zurückzuführen sein: Wie schätzt du die Entwicklung der Tierbewegungen in den letzten Jahren ein? Wurden Fortschritte gemacht oder stagnieren die Bewegungen?

Mitte der 1990er Jahre träumten viele davon, wie es wohl sein würde, wenn der Veganismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Wenn wir überall vegane Produkte bekommen können, wenn wir niemandem mehr erklären müssen, was ein veganes Produkt überhaupt ist, wenn wir nicht mehr die „Freaks“ sind.

Ich denke, dass wir das größtenteils schon erreicht haben. Aber zufrieden bin ich nicht. Denn dadurch, dass das Thema „vegan“ in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist, ist es auch ziemlich unpolitisch geworden.

Damals wie heute betonten wir, dass jeder Kassenbon eine Entscheidung sei über Leben und Tod. Das ist richtig. Es wäre allerdings wichtig, wenn es nicht bei dieser Form des Engagements bliebe. Leider gehen aber sehr viele vegan lebende Menschen nicht auf die Straße. Für manche ist der ethische Aspekt auch nur ein Nebeneffekt. Sie sind aus gesundheitlichen Gründen vegan geworden und interessieren sich deshalb auch nur peripher für Leder, Wolle oder Seide und besuchen Zoos. Ja, wir haben heute deutlich mehr prominente Fürsprecher*innen. Aber wenn wir einmal von Woody Harrelson oder Moby absehen, beziehen die meisten prominenten Veganer*innen nicht politisch Stellung.

Wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, aber die Mitte der Gesellschaft ist eben auch deutlich unpolitischer. Die eben schon erwähnten Recherchen von SOKO Tierschutz oder Animal Rights Watch steuern gegen – das haben wir erst wieder im November bei der LPT-Demonstration von 15.000 Menschen gesehen – aber dennoch: Vegan wird so normal, dass viele die ethische Basis gar nicht mehr so richtig realisieren. Ebenso wenig, wie die Notwendigkeit, sich zu engagieren.

Gibt es Diskussionen und Debatten, die dich an solche in der „VOICE“ erinnern?

Immer wieder. Und das ist ebenso verständlich und wichtig wie auch manches Mal frustrierend. 😀

Zum Beispiel die Diskussion über das Für und Wider von Etappenzielen. Wer wie ich schon seit Jahrzehnten dabei ist, weiß, wie uns damals die Legehennenverordnung um die Ohren geflogen ist. Politik und Tierschützer*innen haben damals homöopathische Modifikationen an der Käfighaltung beschlossen, die bei den Verbraucher*innen als „Ende der Käfighaltung“ aufgenommen wurden. Das Ergebnis: Wir wurden bei Infoständen und Protesten beschimpft. Entweder, weil wir sie mit angeblich „veraltetem Bildmaterial ködern“ wollten, denn die Hühner säßen ja nicht mehr in Käfigen, oder aber, weil wir „erst den kleinen Finger, dann die ganze Hand“ fordern würden.

Und nun hatten wir vor ein paar Jahren das Thema Kükenschreddern auf dem Tisch. Mit der gleichen Diskussion: Fordern wir das Ende der Tierausbeutung oder ein Ende des Tötens männlicher Küken?

Natürlich war das Urteil ein Skandal. Natürlich war es unfassbar, dass die wirtschaftlichen Interessen der Tierausbeutungsindustrie über das grundgesetzlich verankerte Lebensrecht der Küken gestellt wurden. Und doch war ich dankbar für das Urteil. Und das sorgte für noch mehr Debatten.

Nehmen wir einmal an, das Gericht hätte das Töten männlicher Küken verboten. Die männlichen Küken würden dann also nicht direkt in einen Schredder geworfen oder vergast, sondern aufgezogen und erst nach ein paar Monaten in meist qualvoller Haltung und nach einem Tiertransport über hunderte Kilometer ermordet.

Also: kein Tier würde gerettet, stattdessen aber noch länger gequält werden. Außerdem hätte dieses Urteil einen großen Einfluss auf die Verbraucher*innen gehabt. Denn viele von ihnen hatten nach all den Medienberichten ein schlechtes Gewissen, hatten mit Veganer*innen gesprochen und so weiter. Hätte das Gericht das Töten der männlichen Küken verboten, hätten sehr viele dieser Verbraucher*innen wieder mit „gutem Gewissen“ zu Eiern greifen können.

Etappenziele auf Kosten der Ethik sind in meinen Augen weder mit meinem Gewissen noch taktisch vertretbar. Ich würde damit die weitere Ausbeutung und Ermordung der Tiere legitimieren und ihnen somit ihre elementaren Rechte rauben. Und somit würde ich die Ausbeutungsindustrie sogar noch unterstützen. Ich würde deshalb immer die Endforderung stellen. Was die Politik und die Industrie daraus letzten Endes macht, ist ihre Entscheidung. Aber wir sollten bei unseren Forderungen bleiben. Allein schon, um glaubwürdig und eben nicht angreifbar zu sein.

Vielen lieben Dank für deine Zeit, lieber Andreas. Möchtest du zum Abschluss noch etwas loswerden?

Ich wünsche mir für unsere Bewegung, dass sie sich weiter – oder wieder – politisiert.

 

Text: Andreas Bender (voice-design) / Tom Zimmermann (das tierbefreiungsarchiv)
aus: Tierbefreiung 106 / März 2020
Beitragsbild: das tierbefreiungsarchiv