Die große TransFARMation

Die große TransFARMation

Praxisbeispiele vom Gelingen einer ausbeutungsfreieren Landwirtschaft

Die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass immer mehr landwirtschaftliche Betriebe – darunter insbesondere „tierhaltende“ Betriebe – aufgeben (müssen). Das ist allerdings kein wirklicher Grund zur Freude, da der Trend zu größeren Betrieben und damit auch größeren Tierbeständen weiter voranschreitet. Das ist sowohl für die Tiere* als auch für unabhängige, kleinbäuerliche Strukturen problematisch. Die Konzentration auf wenige, große Betriebe führt zu Monopolisierung und spielt dadurch vor allem Tierindustrie und Agrarlobby in die Hände. Nicht zuletzt wird dieses „Wachse oder weiche“-Prinzip auch durch die aktuelle EU-Agrarpolitik und entsprechende Agrarsubventionen gefördert.

38% der Betriebe mit sogenannter Milchkuhhaltung (39% in der Schweinehaltung) haben in den letzten zehn Jahren dichtgemacht; im Vergleich sank die Zahl der Kühe und Schweine allerdings nur um 4–5%. [Quelle]

33% aller landwirtschaftlichen Betriebe sind sogenannte „viehlose“ Betriebe. Ihr Anteil steigt mindestens seit 2010 kontinuierlich an. [Quelle]

Umso wichtiger ist es, nicht nur ein Ende jeglicher Tierausbeutung zu fordern, sondern aktuellen Tierhalter*innen auch Alternativen für einen grundlegend anderen Umgang mit Tieren* innerhalb oder außerhalb ihrer Betriebsstrukturen aufzuzeigen. Dabei stellen sich bereits zu Beginn mehrere Fragen: Welchen Umgang mit vormals ausgebeuteten „Nutz“tieren wünschen wir uns? Welche Alternativen gibt es bereits? Wie kann eine Umstellung einzelner tierhaltender Betriebe gelingen? Aber auch: Welche Herausforderungen gilt es bei all dem zu lösen? Und können wir damit eine Transformation des jetzigen Ernährungs- und Landwirtschaftssystems anstoßen?

In diesem Beitrag möchten wir euch einige Projekte vorstellen, die tierhaltenden Landwirt*innen einen Ausweg bieten wollen – sie nehmen Landwirt*innen aktiv mit, statt gegen sie zu arbeiten. Nicht nur dadurch gehen sie zum Teil über die sonst häufig genannte Alternative einer bio-veganen Landwirtschaft hinaus. Indem manche Projekte die Integration eines Lebenshofes mitdenken, bieten sie auch ein Konzept des Zusammenlebens mit anderen Tieren*. Wir haben uns hierbei dafür entschieden, dass sich die Projekte selbst vorstellen, da so nicht nur ihre Motivationen deutlich werden, sondern auch ihre zugrundeliegenden Überzeugungen und Herangehensweisen besser nachvollziehbar sind. Dadurch werden zwischen den Projekten auch Unterschiede deutlich, die sonst vielleicht verdeckt geblieben wären.

Auf den nächsten Seiten kommen die Projekte Refarm’d und BeVeLa zu Wort, die beide beratungs- und umstellungsorientiert sind. Auch Svenjo Heyne wurde angefragt, der als freier Hirte mit einer Ziegenherde für den Naturschutz tätig ist. Erhaltung und Pflege von Weide- und Grünflächen funktionieren nämlich auch ohne die Ausbeutung und Tötung von Tieren* für Milch und Fleisch. Aufgrund des Hochwassers im Juli hat er es bisher leider nicht geschafft, seine Arbeit in einem eigenen Text vorzustellen. Wir verweisen daher an dieser Stelle auf den Podcast „Gespräche über den Ausstieg aus der Tierindustrie“ von Friederike Schmitz, die in Folge 5 mit Svenjo Heyne gesprochen hat.

Die Frage, ob wir mit diesen Ansätzen nicht nur eine Transformation einzelner Betriebe, sondern auch des gesamten Ernährungs- und Landwirtschaftssystems anstoßen können, muss zunächst noch unbeantwortet bleiben. Sie sollte jedoch bei der Lektüre der Texte stets im Hinterkopf behalten werden. Vielleicht können die gewählten Beispiele zudem eine Argumentationshilfe geben und als realutopischer Ausblick dafür dienen, wie eine ausbeutungsfreiere Landwirtschaft aussehen kann – ohne unbedingt auf das Zusammenleben mit Tieren* zu verzichten.

 

Refarm’d – Von Milchbetrieben zu Lebenshöfen mit Hafermilchproduktion

von Geraldine Starke

Die Tierhaltung ist für unseren Planeten nicht nachhaltig, aber auch für die Landwirt*innen nicht – die Industrie ist in einer Krise. Auch Tiere sind die Leidtragenden und die Zucht geht Jahr für Jahr weiter. Als Verbraucher*innen ist die Umstellung auf bestehende pflanzliche Alternativen ein erster Schritt – sie reicht aber zum einen nicht aus, und ist zudem oft nicht nachhaltig. Viele dieser pflanzlichen Produkte sind in der Regel hochverarbeitet, in Tetrapacks oder Kunststoff verpackt und werden in die ganze Welt verschickt. Und natürlich hindert es die Tierindustrie nicht daran, ihre ausbeuterischen Praktiken fortzusetzen.

Refarm’d unterstützt daher Milchbäuer*innen bei der Umstellung von Tiermilch- auf 100 Prozent Pflanzenmilchproduktion und verwandelt ihr Ackerland in einen Lebenshof. Landwirt*innen profitieren von einer Komplett-Lösung mit kostenloser Ausrüstung. Wir übernehmen auch den Vertrieb und das Marketing.

Wir entwickeln unsere eigene Marke für pflanzliche Milchalternativen. Wir haben uns entschieden, mit Landwirt*innen zusammenzuarbeiten, um diese dabei zu unterstützen selbst Hersteller*innen zu werden, anstatt neue zentralisierte Fabriken zu bauen. Auf diese Weise unterstützen wir kleine und mittlere Unternehmen und bieten den Verbraucher*innen ein hoffrisches, natürliches, biologisches und lokales Pflanzengetränk in wiederverwendbaren Glasflaschen an.

Mit einem boomenden Markt für pflanzliche Milch, der im Jahr 2025 allein für Großbritannien voraussichtlich 565 Millionen Pfund erreichen wird – mit 75 Prozent der Briten, die zu umweltbewussteren Lebensmitteln wechseln – gibt es eine echte Chance für Landwirt*innen, in diesen Markt einzusteigen. Unsere Mission ist es, zu einer nachhaltigeren und ethischeren Zukunft der Landwirtschaft beizutragen.

Im Jahr 2020 haben wir ein erstes Pflanzenmilchrezept entwickelt und drei Höfe (zwei in der Schweiz und einer in Großbritannien) starteten mit der Produktion unserer Hafermilch. Wir befinden uns noch in einer experimentellen Phase. Nach einem herausfordernden ersten Jahr haben wir den Betrieb derzeit pausiert, um unser Modell, unsere Maschinen und unsere Vertriebskanäle zu verbessern sowie Finanzierungen zu erhalten, um Refarm’d weiterzuentwickeln. Wir planen, die Hafermilchproduktion im September 2021 mit unserer Partnerfarm in Großbritannien wieder aufzunehmen. Sobald wir ein erfolgreiches Modell entwickelt haben, werden wir neue Bauernhöfe an Bord holen. Wir haben aktuell eine Warteliste mit Landwirt*innen, die umstellen möchten, und freuen uns daher sehr, unsere Arbeit fortzusetzen.

www.refarmd.com

 

BeVeLa – Begleitung von Landwirt*innen bei der Umstellung

von Miriam Ender und Timo Geuß

Mit dem Verein Begleitung zur Veganen Landwirtschaft e.V. (BeVeLa) möchten wir einen weiteren Beitrag dazu leisten, die Ausbeutung der Tiere zu beenden. Wir sind der Überzeugung, dass wir gemeinsam mit den Landwirt*innen einen Weg finden können, der sowohl für sie selbst als auch für die Tiere, die Umwelt und unsere Versorgung mit gesunden Lebensmitteln erstrebenswert ist. Aus diesem Grund ist die Transfarmation unser Kernpunkt, denn sie stellt die Ideen und die Wandlung von einer herkömmlichen Landwirtschaft hin zu einem gewaltfreien Alternativsystem dar.

Mit dem Hof Narr, refarm´d, farmers for stock-free farming und powerpeul gibt es bereits Initiativen in benachbarten Ländern, die gemeinsam mit Landwirt*innen schon wertvolle Arbeit leisten – und mit denen wir zusammenarbeiten dürfen. Besonders bereichernd ist für uns auch die Kooperation mit den Expert*innen des Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e.V..

Unsere Intention ist es, möglichst allen Landwirt*innen, die sich ernsthaft mit dem Gedanken befassen, ihren Betrieb zu verändern, Lösungsmöglichkeiten und Alternativen zu bieten – unabhängig davon, ob sie noch Tiere halten möchten (nutzfrei als Lebenshof) oder ganz andere Konzepte (zum Beispiel Pflanzenbau, Tourismus) implementieren möchten. Wir beraten Landwirt*innen in einem persönlichen Gespräch vor Ort und finden mit ihnen gemeinsam neue Möglichkeiten, wie etwa als Beispiel einen bio-veganen Gemüsebaubetrieb in Kombination mit einem Lebenshof. Wir begleiten sie in ihrem Umstellungsprozess und stellen ihnen Helfer*innen zur Seite, die zum Beispiel Kenntnisse in Social Media weitergeben.

Mit Timo Geuß konnten wir einen Berater für unsere Landwirt*innen gewinnen, der durch sein Studium (Ökolandbau und Vermarktung), seine Praxis (landwirtschaftliche Pädagogik, eigener Gemüsebetrieb), seine Erfahrung durch bisherige Umstellungen landwirtschaftlicher Betriebe mit Sarah Heiligtag und der Initiative Lebenstiere sowie durch seine emphatische Persönlichkeit das Herzstück von BeVeLa darstellt. Viele unserer Landwirt*innen lernen wir über Timo kennen, zusätzlich kommen regelmäßig Anfragen über unsere Homepage, andere Tierrechtsaktivist*innen oder bereits umgestellte Betriebe empfehlen uns weiter.

Zu unserem ganzheitlichen Konzept gehört auch, Konsument*innen die Zusammenhänge zwischen der Nutztierhaltung und dem dabei entstehenden Tierleid sowie der Schädigung unserer Mitwelt aufzuzeigen.

Mit BeVeLa möchten wir deutschlandweit tätig sein. Damit dies gelingt, sind Helfer*innen vor Ort sowie Unterstützer*innen der Umstellungen wertvolle „Ressourcen“, die unser Handeln ergänzen und ermöglichen. Wir freuen uns, wenn sich weitere Menschen in diesem Bereich einbringen möchten.

www.bevela.de